Der Straßenbaum: Großer Wert oder Hindernis?

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EuroKommunal hat mit dem Experten Ing. Wolfgang Lanner über Gehölze im öffentlichen Raum gesprochen. Im Interview erklärt er, warum Bäume und Sträucher neben Straßen wichtig sind und dass die Pflege eigentlich gar nicht so aufwändig ist – wenn Ort und Baum zusammenpassen.

EuroKommunal: Welche Funktion haben baum- und strauchförmige Gehölze an Straßen?
Lanner: Eine Bepflanzung an der Straße erfüllt mehrere Aufgaben. Einerseits eine optische Führung, das heißt, die Bepflanzung am Straßenrand gibt den Verkehrsteilnehmern Informationen über den Straßenverlauf. Andererseits dient sie als Schutz vor Wind, Schnee und Erosionen, letzterer Aspekt ist vor allem für die Bahn sehr wichtig, Stichwort Bannwald; die neue RVS, auf die ich noch eingehen werde, gilt ja auch für die Bahn. Schließlich ist eine Bepflanzung auch für die Aufnahme und die Reinigung von Oberflächenwasser zuständig, aber generell als Immissionsschutz für Schadstoffe und im psychologischen Sinne für Lärm. Besonders wichtig ist die Funktion der Beschattung, das kommt vor allem im urbanen Bereich zum Tragen. Und schließlich ist eine schöne Bepflanzung auch ein gestalterisches Element.

EuroKommunal: Bedarf es für das Setzten von Bäumen an Straßen eine bestimmte Planung? Gibt es irgendwelche Richtlinien?
Lanner: Ja, und es ist ganz wichtig, das zu beachten. In der RVS 3.10.11 (Anm.: RVS sind Richtlinien für das Straßen- und Eisenbahnwesen, die den aktuellen Stand der Technik festschreiben.) gibt es Planungsgrundsätze, in denen das vorhandene Platzangebot, Abstandsempfehlungen zur Straße, Mindestabstände innerhalb eines Grünstreifens und Richtlinien für eine sinnvolle Parkplatzbepflanzung berücksichtigt sind. Daraus ergibt sich ziemlich eindeutig, dass beispielsweise Kugelbäumchen als Parkplatzbepflanzung sehr ungeeignet sind. Ideal für Parkplätze sind großkronige Bäume. Damit kann man das empfohlene Lichtraumprofil von 4,5 Meter erreichen. Lichtraumprofil heißt, dass alles darunter frei bleibt. In den 4,5 Metern kann ein LKW durchfahren, die Bäume wachsen darüber, spenden Schatten und es gibt keine Sichtbehinderung durch herabhängende Äste. Dieses Lichtraumprofil ist mit einfachen Pflegemaßnahmen ganz leicht zu erreichen und zu erhalten. Kugelbäumchen hingegen sind nur Hindernisse, sie müssen dauernd nachgeschnitten werden und die Beschattung ist auch mangelhaft. Außerdem passiert es leicht, dass Kleinlaster in die kleinen Bäumchen hineinschieben, wodurch sie auf Dauer kaputt werden.

EuroKommunal: Gibt es auch Regeln, wie weit ein Baum von der Straße weg stehen muss?
Lanner: Ja, natürlich gibt es diese auch. In der RVS sind Mindestpflanzabstände festgelegt. Das heißt, es kann auch weiter weg von der Straße gepflanzt werden, nicht aber näher. Bei Ortsdurchfahrten beträgt der Mindestabstand von der Straße ein Meter, auf Autobahnen ist es entsprechend mehr, da höhere Geschwindigkeiten gefahren werden. Bei einem Kreisverkehr beispielsweise muss ein kleinkroniger Baum mindestens drei Meter vom Fahrbahnrand entfernt gepflanzt sein, damit die Sicht nicht behindert wird. Großkronige Bäume können auch zwei Meter weit weg stehen, weil man bei diesen unten durchschauen kann. Kleinkronige Bäume in Fahrbahnteilern, zum Beispiel vor einem Kreisverkehr, sind problematisch, da die Sicht in den Kreisverkehr nicht gegeben ist, darum dürfen sie dort gar nicht gepflanzt werden.

EuroKommunal: Wie viel Platz braucht so ein Baum?
Lanner: In Abhängigkeit der Gehölzart ist das unterschiedlich. Nach oben ist es eher unproblematisch, da ein Baum auch die Straße überschirmen kann, wichtig ist nur, dass das Lichtraumprofil frei bleibt. In Städten ist – in Abhängigkeit kommunaler Vorschriften – oftmals ein Abstand von vier Meter zum Mauerwerk einzuhalten, damit die Äste nicht an den Häusern anstehen. Ein Baum braucht vor allem unterirdisch Platz, mindestens so viel wie die überschirmte Fläche. Je mehr Baumkrone oben zu sehen ist, desto mehr Wurzeln sind unten. Auch hier ist es wichtig, dass alles aufeinander abgestimmt ist. Dazu gibt es manchmal auch behördliche Auflagen. Beispielsweise heißt es, dass für einen Baum neun Quadratmeter Oberfläche einzuplanen sind, in der Schweiz werden oft 12m3 Wurzelraum vorgeschrieben. Es kommt aber immer darauf an, ob auf der Straße überhaupt der Platz dazu ist, wenn man einen Fuß- und einen Radweg hat und dazu noch Verkehrsspuren. Bei Grünflächen muss man auch die betonierte Randleiste einrechnen, die zwar schon zur Grünfläche zählt, aber eine Betonrückenstütze hat, die in die Grünfläche hineinreicht. Hier kann man leicht nochmals auf jeder Seite 50 Zentimeter abziehen. Für eine Baumpflanzung beispielsweise muss daher ein Grünstreifen zumindest eine Breite von drei Metern aufweisen.

EuroKommunal: Besteht die Gefahr, dass die Wurzeln den Asphalt ruinieren?
Lanner: Nein, heutzutage besteht die Gefahr eher nicht mehr. Es gibt heute eine Mindestverdichtung für den Wegeunterbau und diese wird meistens sogar weit überschritten. Die Schotterpackung unter der Straße ist so dicht, dass keine Bodenluft und kein Wasser mehr darin enthalten sind. Der Baum wächst immer in Richtung Wasser und das ist mit den aktuell erreichten Verdichtungswerten nicht mehr möglich. Es gibt lediglich manchmal Aufbrüche rund um Bäume, die alt sind, wir sprechen hier von 60 Jahren und mehr. Bei geplanten Pflanzungen in richtig dimensionierten Grünflächen oder mit eingebauten Wurzelsperren kommt das allerdings nicht vor.

EuroKommunal: Welche Bäume eignen sich besonders für eine Pflanzung an Straßen?
Lanner: Das richtet sich nach der gefahrenen Geschwindigkeit. Bei einer niedrigen Geschwindigkeit kann ich näher an der Fahrbahn pflanzen. Dabei fällt auch auf, wenn ein Baum besonders hübsch blüht, oder das Laub eine interessante Herbstfärbung hat. Bei höherer Geschwindigkeit ist nur mehr eine grüne Wand sichtbar. An der Autobahn beispielsweise kann man sogar die ökologisch wertvolleren Pflanzungen machen, etwa Vogelnährgehölze und vor allem heimische Straucharten. Der Vorteil dabei ist, dass man diese nur gelegentlich zurückschneiden muss und sich der sonstige Pflegeaufwand in Grenzen hält.
Pappeln und Birken beispielsweise müssen weiter weg von Verkehrsflächen gepflanzt werden, da die Äste bei Nassschnee leicht brechen. Für Parkplätze sind sie eher weniger geeignet, hier würde ich Ahornarten, Linden, Baumhasel oder Ulmen empfehlen. Für das Ortsgebiet sehr geeignet ist die schwedische Mehlbeere, die mit der Eberesche verwandt ist. Auch die chinesische Birne, Rotföhre oder Platane eignen sich gut für den Straßenraum. Von der Blasenesche würde ich zu knapp an Fahrbahnen allerdings eher abraten, da diese eher eine Besenkrone ausbildet, keinen durchgehenden Leittrieb hat und daher auch nur schwer in die Höhe zu ziehen ist.

EuroKommunal: Welche Pflegemaßnahmen müssen für Straßenbäume getroffen werden und können diese auch vom eigenen Personal der Straßenmeisterei oder des Bauhofs durchgeführt werden?
Lanner: In der Baumpflege unterscheidet man zwischen drei großen, zeitlichen Räumen: die Anwuchs-, die Entwicklungs- und die Erhaltungspflege, in Deutschland auch Unterhaltungspflege genannt.
Die Anwuchspflege wird vom Gartengestalter oder der Pflanzfirma durchgeführt. Die Entwicklungspflege ist jener Zeitraum bis zur Erreichung der erwünschten Funktion, das kann auch zehn Jahre und länger dauern. Durchgeführt werden kann die Entwicklungspflege auch vom eigenen Personal der Straßenmeisterei oder des Bauhofs, sofern eine fachliche Eignung da ist, etwa eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner oder Baumpfleger. Früher war in der RVS sogar enthalten, dass zumindest ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei Gärtner gelernt haben sollte, wenn auch Grünflächen zu betreuen sind. Aber zurück zur Frage: Ja das können auch die eigenen Leute machen, sofern sie sich auskennen. Schwierig wird es nur, wenn z.B. Naturdenkmäler dabei sind, oder wenn alte Bäume von einem Blitzschlag getroffen wurden und möglicherweise Schäden davongetragen haben. Möchte man die Verkehrssicherheit oder die Erhaltungswürdigkeit von älteren Bäumen feststellen, so ist schon ein Experte hinzuzuziehen. Dieser Experte stellt fest, wann und wie ein Baumschnitt durchzuführen ist – das wiederum können dann auch die ausgebildeten Leute aus der eigenen Abteilung durchführen.
In der Anwuchs- und oft auch noch in der Entwicklungspflege sollte auch darauf geachtet werden, dass die Bäume genug Wasser bekommen. Während der Sommermonate müssen rund alle zwei bis drei Wochen Bewässerungsdurchgänge gefahren werden, wobei ein Baum etwa 80 Liter Wasser braucht. Im Land Steiermark haben wir heuer schon im Juni damit begonnen. Grundsätzlich ist eine Bewässerung auch in der Erhaltungspflege an gewissen Standorten überlegenswert, besonders in Ortsdurchfahrten. Die Bäume werden bei ausreichender Bewässerung resistenter gegen Schädlinge. Die laufenden Arbeiten in der Erhaltungspflege sind das Freischneiden des Lichtraumprofils oder das Schneiden gebrochener Äste. Der richtige Zeitpunkt dafür ist jener, so lange man die Arbeiten mit einer Schere oder einer kleinen Astsäge durchführen kann. Sobald man die Motorsäge braucht, ist man eigentlich schon zu spät dran und hat die anfallende Arbeit übersehen. Es ist also sinnvoll, sich einen Arbeitsplan für das ganze Jahr zurechtzulegen und die Erhaltungspflege in den laufenden Betrieb zu integrieren.

Wie sieht es bei Baumaßnahmen an Straßen aus? Müssen die Bäume hierbei besonders geschützt werden?
Lanner: Ja, müssen sie. Es gibt dazu sogar die eigene ÖNORM L 1121 mit dem Titel „Schutz von Gehölzen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen“. Hier sind alle Anforderungen in Abhängigkeit des Eingriffs festgeschrieben. Bevor man die Baumaßnahmen plant, muss man unbedingt in dieser ÖNORM nachschauen und sollte erst dann mit der der Planung beginnen. Der Schaden bei Baustellen kann enorm sein, nicht nur unterirdisch im Wurzelraum sondern auch oberirdisch, so reißen z.B. LKW-Kräne auch ganz leicht Äste herunter. Diese ÖNORM ist momentan in Bearbeitung und wird zukünftig noch genauere Vorgaben für Leitungsgrabungen im Standortbereich von Gehölzen beinhalten, um den Baumbestand zu schützen. Die Gehölzschutz-ÖNORM wird auch mit anderen ÖNORMEN zum Thema Grabungsarbeiten gleichgeschaltet und wird vermutlich 2020 neu erscheinen.

EuroKommunal: Wenn eine Gemeinde eine neue Gemeindestraße errichtet, welche Bepflanzung würden Sie hier empfehlen?
Lanner: Ich bin gerade im Gespräch mit unserer Hochbauabteilung zum Thema Baukultur in einer steirischen Region. Dieses Thema umfasst nicht nur die vorwiegende Architektur, sondern auch die Vegetation, beispielsweise welche alte Pflanzen gibt es noch und wo und wie sind sie gepflanzt worden. Man sollte sich als Kommune anschauen, was früher gepflanzt wurde und nicht der Einfachheit halber Kugelbäumchen kaufen. Gerade die Kommunen haben – meiner Ansicht nach – mit einer Vorbildwirkung bei der Bepflanzung von öffentlichen Räumen und Plätzen im Sinne des Klimaschutzes voran zu gehen und nicht die aktuelle Mode mit Schotterhaldenbeeten mit einigen japanischen Zwirbelkoniferen und/oder drei Grasbuschen mitmachen. Dieser Trend ist keine ökologisch nachhaltige Grünflächengestaltung sondern lässt Flächen entstehen die entgegen dem allgemeinen Trend Hitzeinseln verstärken und eigentlich nur mit Herbiziden „sauber“ gehalten werden können. In der Gemeinde Feldbach entstanden z.B. nach guter Planung und Zusammenarbeit von Gemeinde, Straßenerhaltungsdienst, bzw. Baubezirksleitung und Anrainern neue Straßenbepflanzungen u.a. mit Baumreihen mit Mostbirnen auch an Landesstraßen, um alte Kulturpflanzen wieder zu etablieren. Insgesamt wurden über 100 Bäume gepflanzt. Birnen sind auch ein Wertholz, das sich in Zukunft gut verkaufen lässt. Problematisch ist nur der Fruchtfall, hier muss man aufpassen und die Bäume ein bis zwei Meter weit weg vom Verkehrsweg pflanzen. Bei den Kirschen ist es dasselbe, auch sie machen „Mist“. Auch Nussbäume könnten im Zuge des Klimawandels vermehrt eingesetzt werden.
Empfehlen kann ich Ulmen – vor allem krankheitsresistent gezüchtete Sorten –, sie sind überraschend „klimarobust“, die schwedische Mehlbeere, sie macht Schatten und ziert mit Fruchtschmuck und auch Linden gehen immer noch ganz gut. Linden eigenen sich vor allem zur Beschattung von Radwegen und die Tatsache, dass sie mit ihrer Blüte eine wichtige Bienenweide darstellen.

EuroKommunal: Danke für das Gespräch!

Ing. Wolfgang Lanner ist im Amt der Steiermärkischen Landesregierung Abteilung 16 für den Landschaftsbau zuständig und zusätzlich auch Leiter des Arbeitsausschusses VU06 Landschaftsbau in der Forschungsgesellschaft Straße-Schiene-Verkehr (FSV).

 

Fotos: © Wolfgang Lanner