Amphibienschutz an Straßen

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Unsere künstlich angelegten Verkehrswege haben einen verbindenden und einen trennenden Charakter. Was nur dem Menschen für seine beschleunigte Bewegung Vorteile bringt, sieht für die Tierwelt im angrenzenden Natur- und Kulturraum etwas anders aus. Eine der am schlimmsten betroffenen Tiergruppen sind Amphibien (Kröte, Frosch, Molch, Salamander), welche aufgrund ihrer Fortbewegungsart bzw. Geschwindigkeit nicht in der Lage sind, einen durchschnittlich breiten KFZ-Verkehrsweg in kürzester Zeit zu queren. Selbst Schienenwege stellen durch die Druck- und Sogwirkung unter fahrenden Fahrzeugen eine große Gefahr dar. Vor allem das Vertrauen von Amphibien in das regungslose Verharren (z.B. Erdkröten) als grundsätzlich energieschonendste und beste Tarnung vor dem „Fressfeind“ ist beim Überqueren von befahrenen Asphaltflächen meist die schlechteste Lösung.

Auffällig wird diese Barrierewirkung von Verkehrswegen vor allem bei den so genannten „Amphibienwanderungen“ im natürlichen Lebenszyklus dieser Tiere. Da Vermehrung und das Heranwachsen der Jungtiere an meist stehende Gewässer gebunden sind, werden vor allem von März bis April in höheren Lagen bis Mai geeignete Laichgewässer aufgesucht, die sogenannte Frühjahrswanderung der geschlechtsreifen Tiere. Nach dem Laichgeschäft beginnt dann eine „diffuse“, nicht mehr so konzentrierte Rückwanderung der Alttiere in die Sommerlebensräume und an Regentagen im Juni eine besser zu beobachtende Jungtierwanderung vom Gewässer weg. Aufmerksamen Verkehrsteilnehmern ist vielleicht auch die meist im Oktober auftretende – eher schwache – Herbstwanderung in Richtung von Gewässern schon aufgefallen. Bei ähnlicher Tageslänge und Temperatur wie im Frühjahr beginnen Amphibien bereits mit der Wanderung zum Laichgewässer und suchen unterwegs geeignete Winterquartiere auf. Bei all diesen Wanderbewegungen werden viele Straßen im Landesgebiet gequert und damit für diese Tiere zur tödlichen Falle. Seit den 1980er-Jahren bemühen sich deshalb viele Naturliebhaber und Tierschützer den Tieren eine gefahrlose Überquerung von Verkehrswegen zu ermöglichen. Die Methoden reichen vom einfachen Einsammeln, bis zum „Froschzaun“ mit eingegrabenen Fangkübeln um die Tiere in geeigneten Behältern über die Straße zu tragen. Im Frühling bei der massenhaften Anwanderung zu den Laichgewässern ist der Arbeitsaufwand dafür sehr hoch. Der Zaun muss täglich auf die Funktion überprüft werden, die Fangkübel müssen täglich kontrolliert und geleert werden. Diese Arbeit kann auch am Wochenende und über die Osterfeiertage nicht unterbleiben und gerade bei Regenwetter gibt’s mit Amphibien die meiste Arbeit.

In der Steiermark gibt es im Amphibienschutz seit vielen Jahren eine sehr gute Zusammenarbeit der Abteilung 16 Verkehr und Landeshochbau -Fachabteilung Straßenerhaltungsdienst mit der Berg- und Naturwacht, anderen Umwelt-NGOs und auch privaten Personen.

Auf Antrag von zukünftigen oder schon bewährten „Froschzaunbetreuern“ an die Abteilung 16 Technische Dienste werden steiermarkweit nach einer Besichtigung des betroffenen Straßenstückes bereits im Februar neue Zäune oder Ersatzzäune für kaputtes Material angekauft. Das Zaunmaterial bleibt Eigentum der Landesstraßenverwaltung und wird üblicherweise von den Straßenmeistereien außerhalb der Saison eingelagert. Mitarbeiter der Straßenmeistereien sichern während der Zaunerrichtung den Straßenabschnitt ab und helfen mit, wenn Zäune aufgestellt oder abgebaut werden. Die „Froschzäune“ werden in der Steiermark in den meisten Fällen gemäß der Beschreibung und Skizzen der „RVS 04.03.11 Amphibienschutz an Verkehrswegen“ aufgestellt und betreut. Das hat für die Landesstraßenverwaltung den großen Vorteil, dass aufgrund der standardisierten Aufstellmethode ausreichende Aussagen über das Amphibienwandergeschehen am Streckenabschnitt gewonnen werden, um im Falle der Sanierung der Straße passgenaue dauerhafte Amphibienschutzmaßnahmen errichten zu können.

Erhoben werden:
Anzahl der Amphibienarten,
Anzahl der Tiere pro Art,
Wanderrichtung,
Wanderschwerpunkt über den Verkehrsweg,
Wanderzeitpunkt.

Wichtig vor dem Aufstellen der Froschzäune am Straßenrand ist das Einvernehmen mit dem Grundeigentümer herzustellen. Auch die Einbindung von Forstwegen oder landwirtschaftlichen Zufahrten muss unbedingt vorher mit den Anrainern besprochen werden.

Das Montieren der Zäune im Gelände – oft mit gefrorenem Boden – ist zwar nicht immer leicht, doch beginnt erst jetzt bis zu vier Wochen der schwierigere Teil der Arbeit. Zäune und Kübel müssen verlässlich und wirklich täglich für ca. 4 Wochen kontrolliert werden. Bei starker Amphibienwanderung auch zweimal pro Tag. Diese Kontrolle wird überwiegend von NGOs und Privaten Personen erledigt. In einigen Fällen sind auch die Straßenmeistereien in die Kontrollarbeit unter der Woche involviert, was aber mit der normalen Dienstzeit der Mitarbeiter des Straßendienstes meist nur schwer vereinbar ist.

Die Rückwanderung und die Jungtierwanderung zu schützen, welche dann fast bis in den Herbst andauert, auf diese Art zu betreuen ist aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes fast unmöglich.  Leider geben auch manche Freiwillige ihr Engagement aufgrund der vielen erforderlichen Arbeitsstunden wieder auf.

Mit jedem, im Frühling dem Straßentod zum Opfer gefallenen Krötenweibchen, sterben im verlorengegangenem Laich auch 3000-6000 Kaulquappen von denen gerade vielleicht 1% nach rund 4 Jahren als erwachsene Tiere ihr Geburtsgewässer wieder aufgesucht hätten. Ähnlich den (immer weniger werdenden) Insekten, welche Fahrzeuge mit Kühlergrill und Scheibe jährlich „aufsammeln“, werden somit auch die Kaulquappen und Jungamphibien der natürlichen Nahrungskette entzogen.
Nicht nur, dass Amphibien als Nützlinge enorm wichtige Vertilger von Baum- und Kulturschädlingen sind, fehlen sie genauso als Nahrungsgrundlage für andere Tiere. Punktuell und in Massen totgefahrene Amphibien auf der Fahrbahn können auch eine Gefährdung für Verkehrsteilnehmer darstellen, da vor allem Zweiradfahrer beim Bremsen ordentlich ins Rutschen kommen können. Außerdem ist der alljährliche Anblick von toten und halbtoten Fröschen und Kröten oft um die Osterzeit im Fremdenverkehrsland Steiermark nicht gerade erfreulich.

Von der Abteilung 16 Technische Dienste werden regelmäßig von den Gemeinden, den Straßenmeistereien und der Berg- und Naturwacht Meldungen und Auskünfte über Amphibienfunde an Straßen eingeholt. Diese Daten stellen die Grundlage für einen Amphibienkataster dar, welcher derzeit etwa 390 steirische Landesstraßenstücke mit auffälligen Amphibienquerungen im Frühjahr auflistet. Durch regelmäßige Schutzmaßnahmen im Frühjahr und ein Vergleich der gezählten Tiere lassen Schlüsse auf die Entwicklung von Wanderstrecken in Bezug auf die Gesamtzahl und auch die Entwicklung verschiedener Amphibienarten zu. Leider zeigen die Daten der letzten Jahre eher einen Rückgang der Amphibienarten und der Gesamtzahlen wandernder Individuen. Es gibt auch Wanderstrecken die aufgrund von Bautätigkeiten oder durch Nutzungsänderung des Gewässers gänzlich erlöschen.

Der Kataster der Amphibienwanderstrecken wird bei Planungen des Neubaus bzw. bei Sanierung und Instandsetzung von Straßenstücken herangezogen. Je nach Lage und Topographie sind geeignete Materialien und Bauweisen zu finden. Die Planungs- und Ausführungsgrundsätze für dauerhafte Amphibienleitanlagen sind ebenfalls in der am 1.2.2019 neu erschienen „RVS 04.03.11 Amphibienschutz an Verkehrswegen“ beschrieben. Eine Standardausführung gibt es vor allem beim Bau von Leitanlagen an Bestandesstrecken leider nicht. Die Geländeverhältnisse müssen immer individuell bewertet werden. Dabei stellen auch zB. straßenbegleitende Einbauten und Leitungen – meist mit unklarer Lage (Entwässerung, Versorgungsleitungen) – eine große Herausforderung im Zuge der Planung von Amphibiendurchlässen unter der Fahrbahn dar.

Die Straßenverwaltungen haben trotz dieser Probleme die Verpflichtung Verkehrswege für die Migration von geschützten Wildtieren so durchlässig wie möglich zu gestalten, um so einen Beitrag zum Naturschutz, bzw. zur Verminderung einer der größten Gefahren im Leben von Amphibien und anderen Kleintieren zu leisten.

Text und Bilder: Ing. Wolfgang Lanner, Amt der Steiermärkischen Landesregierung