Arealentwicklung mit Hilfe eines Energieforschungsprojekts in Baden

462
Bürgermeister Dipl.-Ing Stefan Szirucsek, Vizebürgermeisterin Dr. Helga Krismer, der Projektkoordinator der Stadtgemeinde, Dr. Gerfried Koch, und die Projektleiterin des AIT, Dr. Edith Haslinger, haben sich vor Ort ein Bild über die Forschungsaktivitäten gemacht. © Energiereferat

Auf dem Gelände der Molkerei NÖM finden seit Ende Jänner 2020 Erdbohrungen statt. Ziel ist es, eine nachhaltige Wärme- und Kälteversorgung für die Entwicklung des Martinekareals in der Stadt Baden sicherzustellen.

Seit 2018 forschen acht Forschungsinstitutionen am 40-Hektar großen Gelände der ehemaligen Martinek-Kaserne. „Im Detail untersucht wird, wie das Areal künftig mit erneuerbarer Energie klimaschonend versorgt werden könnte“, erklärt Dr. Gerfried Koch, Leiter des Klima- und Energiereferats der Stadtgemeinde Baden. Was mit dem Areal künftig passieren und wie es genutzt werden soll, ist nämlich noch völlig offen.

Das Projekt mit einem Volumen von rund einer Million Euro wird von einem Konsortium an renommierten Institutionen umgesetzt. Unter der Federführung des AIT (Austrian Institute of Technology GmbH) forschen an dem Projekt unter anderem die TU Wien, die Geologische Bundesanstalt oder die Montan-Universität Leoben. Mit im Projektteam sind die Stadtgemeinde Baden und die NÖM AG, die ihr Firmengelände gegenüber der ehemaligen Martinek-Kaserne hat und die das Gelände mit der Abwärme aus der Molkerei versorgen könnte. „Es geht hier auch generell um einen Wissensgewinn in technischen Fragen“, so Koch, „bei dem Projekt soll auch erforscht werden, wie zwei Komplexe, die durch die Bundesstraße getrennt sind, energietechnisch verbunden werden können.“

Seit dem 21. Jänner 2020 wird auch in die Tiefe gebohrt, um Potentiale der des Untergrundes in Hinblick auf die Eignung als Wärme- und Kältespeicher zu erheben. Das Forschungsprojekt mit dem Titel SANBA, das den Fokus auf Niedertemperaturnetze, auch Anergiesysteme genannt, gelegt hat, ist eines der größten Forschungsprojekte, die bisher im Stadtgebiet Baden durchgeführt wurden.

Mögliche Nutzung für Wohnzwecke und Handel
Das ehemalige Kasernenareal mit Gebäuden aus den 1930er Jahren gehört eigentlich dem Verteidigungsministerium und steht zum Verkauf. Für die Widmung ist allerdings die Stadtgemeinde Baden zuständig, die auch Klima- und Energiemodellregion ist und auch aus diesem Grund an einer innovativen Lösung für das letzte große Stadtentwicklungsgebiet interessiert ist. Bevor also die Stadt eine weitreichende Entscheidung über die Zukunft des Areals trifft, möchte sie Klarheit darüber haben, was möglich ist und was nicht.

„Auf dem 40 Hektar großen Grundstück sind einige denkmalgeschützte Gebäude, welche natürlich von einem neuen Eigentümer saniert und in anderer Form genützt werden können. Interessant sind aber vor allem die großen Grünräume zwischen den Gebäuden“, erklärt Gerfried Koch, „und für diese Grünräume erarbeiten die ForscherInnen gerade drei Szenarien und rechnen den Energiebedarf.“

Die drei Szenarien im Detail:
Szenario 1: Alles bleibt, wie es ist. Die Gebäude werden saniert und genutzt.
Szenario 2: Die Grünräume werden moderat bebaut.
Szenario 3: Die Grünräume werden stärker genützt und bebaut. Es kommt zu einer Nutzung des Areals mit Wohnungen und Handel.

Ergänzend zur technischen Analyse und Planung erfolgt weiters eine betriebswirtschaftliche Analyse, bei der die spezifischen Kosten der unterschiedlichen Energiedienstleistungen für diese drei Entwicklungsszenarien ermittelt und vergleichend gegenübergestellt werden. Angedacht ist, dass auf dem Areal eine Verbindung aus Wohnen und Arbeiten entstehen könnte, zumal die Stadtgemeinde Baden und die Gemeinde Sooß, die ebenfalls Anteil am Kasernenareal hat, schon im Jahr 2013/14 ein Positionspapier erstellt haben, was sie sich auf dem Grundstück vorstellen können und was nicht.

An dem Projekt profitieren alle: Das Verteidigungsministerium als Eigentümer, die Stadtgemeinde, die entsprechend des Potentials eine Flächenwidmung vornehmen kann und natürlich nicht zuletzt der künftige neue Eigentümer, der Klarheit darüber hat, welche Möglichkeiten sein Grundstück bietet.

Was sind Niedertemperaturnetze?
Anergienetze, also wasserbasierte Wärme- bzw. Kältenetze, welche den Energietransport annähernd auf Umgebungstemperatur bewerkstelligen, werden in den letzten Jahren immer öfter als zukunftsfähige Systeme für eine nachhaltige Bereitstellung von Wärme- und Kältedienstleistungen diskutiert und demonstriert. Die Vorteile von Anergienetzen sind dabei vielfältig und reichen vom äußerst verlustarmen Energietransport in entsprechenden Netzen, der Möglichkeit der Nutzung von industrieller Abwärme auf geringem Temperaturniveau oder der Möglichkeit der Wärme- und Kältespeicherung in großvolumigen Erdsondenspeichern. Im Projekt SANBA werden konkrete Niedertemperaturnetze anhand des Martinek-Areals und der Niederösterreichischen Molkerei (NÖM AG) untersucht.