Expertentreffen am Verkehrstag

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Rund 350 Expertinnen und Experten trafen sich am 27. Juni 2019 zum alljährlichen Verkehrstag.

Ende Juni hielt die Forschungsgesellschaft Straße-Schiene Verkehr ihren alljährlichen Verkehrstag ab. Dabei trafen sich rund 350 in der FSV engagierten Expertinnen und Experten einen Tag lang zum fachlichen Austausch.

Kern der FSV ist die Erarbeitung von Richtlinien für das Straßenwesen „nach dem Prinzip der Freiwilligkeit“, wie Prof. Dr. Gerhard Gürtlich vom BMVIT betonte. „Die Expertinnen und Experten stellen ihr Wissen gratis zur Verfügung, in den Richtlinien stecken von jedem Experten unzählige freiwillige Arbeitsstunden“, sagte Gürtlich, der in Vertretung des Verkehrsministers gekommen war.
Zahlreiche Vorträge befassten sich auch mit Thematiken, die für Gemeinden sehr interessant sind.

Neue Anforderungen an Straßen
Über die neue RVS „Planung und Entwurf von Innerortsstraßen“, die sich gerade in Begutachtung befindet, sprach DI Martin Seidel. Neu in der RVS ist, dass der Fußgänger- und Radverkehr herausgenommen wurde, da es dazu eine eigene RVS gibt – „trotzdem wurde die neue, überarbeitete RVS drei Mal so dick wie geplant“, lachte Seidel. Die neuen Richtlinien orientieren sich an den Bedürfnissen aller Nutzer, um eine möglichst hohe Lebensqualität zu erzielen, Verkehrssicherheit hat hohe Priorität“, so Seidel. In der neuen RVS wurde unter anderem auch die Standardbreite der Fahrzeuge von 1,80 Meter auf 1,90 Meter verändert, da die Autos in den letzten Jahrzehnten breiter geworden sind. Auch Breite von LKW und Autobus wird in Zukunft mit drei Metern angenommen. Diese neuen Maße haben Auswirkungen auf künftige Straßenbauten, so sollen, abhängig von der beabsichtigten Nutzung, Straßen breiter geplant werden. Auch Parkflächen wurden auf zwei Meter Breite angepasst, damit sind 95 Prozent der Fahrzeugflotte abgedeckt.
Bei dieser umfassenden und kompletten Überarbeitung der RVS wurden die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer und Gruppen berücksichtigt. „Die neue RVS liefert die Grundlagen für die Planung“, so Martin Seidel.

Sachverständige: Mehr als „Vurschrift is Vurschrift“
Über die Anforderungen an „Technische Sachverständige im Spannungsfeld zwischen Recht und Technik“ referierte DI Egmont Fuchs vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Die RVS richtet sich gezielt an Technische Sachverständige. Fuchs brachte ein anschauliches Beispiel aus dem Tätigkeitsfeld eines Verkehrssachverständigen: Auf der Südautobahn A2 kam es im Wechselabschnitt gehäuft zu Verkehrsunfällen, trotz einer Geschwindigkeitsbeschränkung. Daraufhin wurden Sachverständige hinzugezogen, die zahlreiche Untersuchungen (Erhebungen, Geschwindigkeitsmessungen, Studium von Unfallberichten, Befragungen etc.) durchführten und feststellten, dass die Griffigkeit der Fahrbahn zu wünschen übrig lässt. Schließlich wurden griffigkeitsverbessernde Maßnahmen getroffen und die Unfallhäufigkeit verringerte sich.

Nachhaltige Mobilität
Die Experten in der FSV erarbeiten nicht nur Richtlinien für das Verkehrswesen sondern stehen einer sachorientierten Verkehrspolitik beratend zur Seite. Im Jahr 2007 wurde dazu ein eigener Arbeitsausschuss zum Thema Verkehrspolitik gegründet. Nachdem sich in den letzten 12 Jahren die Anforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit des Verkehrssystems, des Klimaschutzes und der Ressourcenschonung verschärft haben, wurde die RVS überarbeitet. Vor welchen Herausforderungen der Arbeitsausschuss hier gestanden ist und welche Aspekte in der RVS berücksichtigt wurden, berichtete Prof. Dr. Gerd Sammer von der Universität für Bodenkultur in Wien. So sind die Treibhausgas-Emissionen im Verkehr zu senken, um die Klimaziele, die 2015 in Paris beschlossen wurden, erreicht werden können. Für Sammer sind nicht-fossil angetriebene Verkehrsalternativen zu entwickeln, eine Verhaltensänderung nötig sowie auch externe Kosten zu internalisieren (externe Kosten sind Kosten, die nicht vom Nutzer bezahlt werden). Zum Thema „Car-Sharing“ äußerte er sich kritisch, da dieser mehr Autoverkehr verursacht. Für die „letzte Meile“ eigne sich der öffentliche Verkehr viel eher.

Brückenerhaltung in Gemeinden
Über die Erhaltung von Brücken in Gemeinden sprach Dr. Eva-Maria Eichinger-Vill. Von den 31.800 Brücken in Österreich befinden sich rund 10.000 im Gemeindestraßennetz – und hier ist oftmals die Gemeinde der Brückenerhalter. „Öffentliche Straßen sind so herzustellen und zu erhalten, dass sie ohne Gefahr zu benützen sind“, sagt Eichinger-Vill, und dazu gehören auch Kunstbauten wie Brücken, Durchlässe, Stützmauern oder Überkopfwegweiser. Auch zur Überwachung, Kontrolle und Prüfung von Brücken gibt es eine eigene RVS. So soll die Überwachung durch den Straßendienst alle vier Monate erfolgen, die Kontrolle durch den Brückenmeister oder anderes Fachpersonal alle zwei Jahre und die Prüfung durch einen Ziviltechniker oder speziell ausgebildeten Beamten alle sechs Jahre, bzw. alle 12 Jahre bei sehr einfachen statischen Verhältnissen. Eichiger-Vill wies auch darauf hin, dass die sorgfältige Überwachung der Bauwerke den Gemeinden auf lange Sicht Geld spart, da teure Neubauten entfallen oder erst zu einem viel späteren Zeitpunkt notwendig werden.

Straßen als Vermögenswerte
Für Gemeinden ebenfalls sehr interessant ist die RVS13.05.31. Diese befasst sich mit der Ersterfassung und Erstbewertung des Anlagevermögens der Straßeninfrastruktur, wie Dr. Wolfgang Kluger-Eigl vom BMVIT erklärte. Aufgrund der Umstellung des Rechnungswesens von der Einnahmen-Ausgaben-Rechnung auf ein „Drei-Komponenten-System“ mit Ergebnis-, Finanzierungs- und Vermögenshaushalt müssen die Straßen als Vermögenswerte in die Bilanz aufgenommen werden. Die RVS befasst sich mit der Bewertung von Straßen, wobei der Zustandserfassung der Fahrbahn besonderes Augenmerk geschenkt werden sollte.

Über die FSV:
Die Forschungsgesellschaft Straße – Schiene – Verkehr (FSV) ist eine Plattform für Fachleute, die sich mit Planung, Bau, Erhaltung, Betrieb und Nutzung von Verkehrsanlagen befassen. Die Gremien der FSV bilden das Netzwerk von über 1.400 Personen für den Wissensaustausch und für die Weiterentwicklung des Fachgebietes auf nationaler und internationaler Ebene. In der FSV wird der Stand der Technik in Form von Richtlinien (RVE/RVS) für das Straßen- und Eisenbahnwesen festgeschrieben. Die Richtlinienarbeit zielt auf technisch optimierte, sichere und nachhaltige Verkehrsinfrastrukturanlagen hin. Dies umfasst auch vertragliche Aspekte und die Standardisierung von Leistungsbeschreibungen.

Foto © Österr. Forschungsgesellschaft Straße – Schiene – Verkehr/APA-Fotoservice/Tesarek