Ist gegen das Unkraut ein Kraut gewachsen?

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© Amt der Steiermärkischen Landesregierung/Wolfgang Lanner

Es gibt viele Methoden, unerwünschten Aufwuchs (in der Folge kurz „Unkraut“ genannt) an Fugen und befestigten Flächen zu bekämpfen. Straßenverwaltungen haben in der Vergangenheit Versuche mit Heißluft, Infrarot und sogar Strom gemacht. Doch welche Methode ist am effektivsten? „Die ultimative Methode, unerwünschten Aufwuchs in den Griff zu bekommen, gibt es nicht“, stellt Wolfgang Lanner, Experte für Landschaftsbau im Amt der Steiermärkischen Landesregierung und Leiter des Arbeitsausschuss Landschaftsbau in der FSV, klar. „Aber je nach Bedarf gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Problem zumindest für einige Zeit in den Griff zu bekommen“, so der Experte.

Bei der Unkrautbekämpfung wird grundsätzlich zwischen drei verschiedenen Methoden unterschieden:

Mechanische Bekämpfung, etwa mit Wildkrautbürsten,
Thermische Bekämpfung mit Heißwasser, Heißschaum etc.
Chemische Bekämpfung mit Herbiziden (Wirkstoffe wie z.B.: Glyphosat).

„Leider haben alle Methoden zur Unkrautvernichtung Nachteile“, sagt Lanner, „entweder, weil sie nicht effektiv genug, umweltschädlich oder aber sehr energieintensiv sind.“

Wann wird Kraut zum Unkraut und warum muss es entfernt werden?
Unkraut sind Pflanzen in Bereichen in denen ihr Aufwuchs an der Infrastruktur Schäden verursachen oder den Gebrauch beeinträchtigen kann. Wenn z.B. Fugen bei Belägen oder Leistensteinen durch Belastung im Laufe der Zeit brechen, dringt Wasser in den kleinen Riss und ermöglicht so das Keimen einer Pflanze. Dadurch wird die Fuge noch breiter, was die Wurzeln der Pflanze wachsen lässt. Im Wurzelwerk der Pflanze wird in Folge Wasser gespeichert, das im Winter friert und die Fuge noch weiter brechen lässt. Schließlich kommt es irgendwann dazu, dass Randleisten locker werden, Beläge weiter aufbrechen. Es muss also etwas unternommen werden, um Fugen von unerwünschtem Aufwuchs zu befreien.

Bekämpfung mit Hitze benötigt Energie
In den letzten Jahren sind unterschiedliche Methoden der thermischen Unkrautbekämpfung aufgekommen. So kann unerwünschter Aufwuchs mit Heißwasser oder Dampf behandelt werden. „Wichtig dabei ist aber zu wissen, welches Unkraut bekämpft werden soll. Manche Pflanzen bilden tiefe Wurzeln. Wenn das Wasser die Wurzeln etablierter Pflanzen erreicht, ist es bereits abgekühlt und damit relativ wirkungslos. Vor allem bei Arten mit tiefem Wurzelsystem, z.B. der Löwenzahn, treiben wieder aus“, warnt Lanner. Mehr Tiefenwirkung hat Heißschaum, der aus einer auf 100 Grad aufgeheizten Öl- und Zuckerlösung besteht. „Das Problem dabei ist, dass dieser Schaum auch leicht gefärbt sein kann und überhaupt „gefährlich“ aussieht. Hier könnte es sein, dass das bei der Bevölkerung weniger gut ankommt. Außerdem sterben an dem ablaufenden Heißwasser und -schaum auf den Flächen lebende Insekten, Regenwürmer etc.“, gibt Wolfgang Lanner zu bedenken.

In den letzten Jahren kamen weitere originelle Ideen auf, wie man das Unkraut bekämpfen kann. „Es wurde Heißluft probiert – das sieht aus wie ein Fön auf Rädern –, Gasbrenner und Infrarot. Infrarot wirkt zwar gut, aber leider ist durch die Strahlungswärme nachher ebenfalls alles auf der Fläche Lebende kaputt. In Brasilien wird bereits Strom zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft eingesetzt; der Nachteil dabei ist, dass für ein Hektar Fläche rund 100 Liter Treibstoff benötigt wird. Und was noch viel schlimmer ist, alle Tiere im Boden sind nachher auch ziemlich sicher geschädigt. Für unseren Straßenrand ist diese Behandlung wegen Brandgefahr und unklarer Auswirkungen auf unterhalb liegende Leitungseinbauten etc. noch kein Thema“, erzählt Experte Lanner.

Wer jetzt in die andere Richtung denkt und glaubt, dass vielleicht Abkühlung und Vereisung das Wurzelwerk abtötet, den muss Wolfgang Lanner enttäuschen: „Das funktioniert leider überhaupt nicht!“

Fazit: Die thermischen Methoden wirken zwar nicht so schlecht auf die grünen Teile des Unkrauts, der Nachteil an ihnen ist allerdings, dass sie auch unbeteiligte Tiere abtöten, allesamt eine geringe Flächenleistung haben und sehr viel Energie benötigen. Auf wassergebundenen Wegedecken und Kiesflächen ist die Anwendung etabliert.

Mit Chemie gegen unerwünschten Aufwuchs
Manchmal geht es nicht anders, und es muss auf chemische Unkrautvernichtungsmittel zurückgegriffen werden, etwa um den Schachtelhalmbewuchs an Gleiskörpern der Schienenwege Herr zu werden. „Bisher war Glyphosat das Mittel der Wahl“, erklärt Experte Lanner. „Inzwischen ist es absehbar, dass dieses wohl bald verboten wird, da es im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Die meisten Verkehrswegeverwaltungen verzichten bereits freiwillig auf den Gebrauch von Herbiziden im Allgemeinen und auf den Wirkstoff Glyphosat im Speziellen. Alle anderen genehmigten Mittel sind allerdings auch hochgiftig“, erklärt Wolfgang Lanner.
Es gibt beim BAES ein Pflanzenschutzmittelregister, in dem die jeweiligen genehmigten Mittel nach Zweck und Art der zu behandelnden Fläche gefiltert werden können (https://psmregister.baes.gv.at)

Manche von ihnen dürfen zeitlich nur sehr eingeschränkt verwendet werden, weil sie so giftig sind. Aber auch hier gibt es ein Problem: Spielt das Wetter nicht mit und die Wurzeln nehmen gerade weniger auf, sind diese Giftcocktails auch nicht so wirkungsvoll wie gedacht.

Fazit: Unkrautvernichtungsmittel wirken – mit Fachkenntnis ausgebracht – meistens sehr gut, sind billig in der Anwendung, bekämpfen sehr zielgerichtet nur das Unkraut, sind aber giftig, Wirk- und Reststoffe verbleiben aber im Boden und haben dazu noch ein schlechtes Image.

Unkraut wegbürsten
Das Unkraut mit einer scharfen Drahtbürste einfach wegkehren, ist die ökologischste und am wenigsten energiefressende Methode. Leider hat diese auch einen kleinen Haken: „Metallbürsten zerbröseln eine bereits gebrochene Fugenfüllung mit der Zeit noch mehr“, erklärt Wolfgang Lanner. „Unkrautbesen sind zwar umweltfreundlich, aber sie üben eine starke mechanische Belastung auf die Fuge aus“, so der Experte. Für Pflasterflächen ist das mechanische Wegbürsten des Unkrauts allerdings ideal.

Fazit: Umwelt-, aber nicht fugenfreundlich. tiefwurzelnde Kräuter treiben schnell wieder aus.

Aufwändige Arbeit
Generell ist die Unkrautbekämpfung ein teures Unterfangen. Egal welche Methode gewählt wird, alles erfolgt händisch oder mit teurem Kleingerät und dauert ziemlich lange. „Bei den thermischen und chemischen Verfahren gibt es auch überhaupt keine Berechnungen, wie viel Unkrautbekämpfung in der Praxis tatsächlich kostet, bisher existieren nur Schätzungen, Angaben der Hersteller geben immer Maximalleistungen an“, sagt Lanner. „Als Beispiel diene der Aufwand Fugen und Randleisten mit Heißschaum zu reinigen. Nicht nur, dass das Verfahren sehr energieintensiv ist, die Reinigung von einem Kilometer dauerte rund eine Stunde und musste wiederholt werden.“

Wer sich zum Thema Unkrautbekämpfung entlang von Straßen oder Gleiskörpern umfassend informieren möchte, muss eine/n ExpertIn aus den jeweiligen Instandhaltungsabteilungen nach ihren Praxiserfahrungen befragen, denn auf diesem Gebiet gibt es auch kaum Literatur.

„Es stellt sich auch die Frage, ob wirklich alles, das am Straßenrand wächst, nicht sichtbehindernd ist, keine Fugen oder Beläge beschädigt, wirklich entfernt werden muss“, meint Wolfgang Lanner. „So kann man an den Straßen in Randbereichen zB: zwischen Lärmschutzwand und Leitschiene Bewuchs wie z.B. die blauen Wegwarten oder die gelben Königskerzen stehen lassen. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten leider das ästhetische Empfinden der Menschen geändert. Hohes Gras wird leider generell als ungepflegt empfunden.“ Der Experte rät: „Gehen Sie selektiv vor. Es gibt viele Flächen, an denen ,unerwünschter Aufwuchs‘ stehen bleiben kann und zum ,geduldeten Aufwuchs‘ wird.“

Es ist eine Schere die immer bestehen bleiben wird:
Die sicherste Variante um unerwünschten Aufwuchs auf befestigten Flächen in den Griff zu bekommen, wäre die Fläche komplett zu asphaltieren. Allerdings: komplette Bodenversiegelung ist ganz schlecht für den Wasserhaushalt im Boden und soll, wenn möglich, nur auf befahrenen Flächen passieren. Wenn das Wasser allerdings an Ort und Stelle durch breite Fugen von Pflasterungen versickern kann, dann stellt sich bei geringer Nutzerfrequenz wieder das Problem mit dem unerwünschten Aufwuchs…