Müllwagen von M-U-T zu 100% aus Österreich

623

Forschung und Entwicklung findet nicht nur im fernen Silicon Valley statt, sondern auch in heimischen KMU’s. Bestes Beispiel dafür ist die Firma „Maschinen – Umwelttechnik – Transportanlagen“, kurz M-U-T, die hierzulande eigentlich nur für Fahrzeugaufbauten im Kommunalbereich bekannt ist. Was kaum jemand weiß ist, dass sich das Unternehmen auch intensiv mit nachhaltigen Lösungen in der Wasseraufbereitung und Umwelttechnik beschäftigt und so zum Beispiel Wasserversorgungssysteme in Sri Lanka, Ausbildungszentren für Schweißtechnologien in Indonesien oder Kläranlagen für die Industrie und Kleinstädte in Indien, China und Brasilien baut. Um diese Projekte bei denen es sich auch um Kooperationen mit weltweiten Forschungseinrichtungen handelt professionell durchführen zu können, wurde Dr. Felix Steyskal im Jahr 2018 geholt und ist seit 2019 zum Geschäftsführer von M-U-T bestellt. Steyskal war zuvor im Austrian Institute of Technology (AIT) Abteilungsleiter und ist nicht nur mit Forschungsprojekten bestens vertraut, sondern auch Eigentümer der Firma Meridional TCS SA in Brasilien, die sich mit Glycerinaufbereitung beschäftigt.

EuroKommunal traf Geschäftsführer Dr. Felix Steyskal und Markus Gritsch, (Leitung Pre- Sale Fahrzeugbau) und Michael Merwald, (CSO-Fahrzeugbau) zum Gespräch.

EuroKommunal: Bitte stellen Sie die Firma M-U-T kurz vor!
Steyskal: M-U-T wurde 1932 gegründet, wir sind in mehreren Sparten tätig: In der Transport- und Fördertechnik, Umwelt-, Wasser- und Abwassertechnik und in unserer bekannteste Sparte der Fahrzeugtechnik. Wir haben 165 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Werk in Stockerau und 59 in Ungarn. Viele davon haben als Lehrling bei uns begonnen und sind bis zur Pension bei M-U-T geblieben. Und das ist nach wie vor noch so. Mitarbeiter die seit 30 Jahren bei uns tätig sind, sind keine Seltenheit. Wir sind darauf nicht nur sehr stolz, sondern profitieren auch sehr stark davon. Know-How bleibt bei uns in der Firma und kann auch dementsprechend weitergegeben werden.

Merwald: Dieses Wissen und diese Erfahrung ist wichtig, da wir im Bereich der Fahrzeugtechnik genau den Aufbau produzieren, den der Kunde braucht. Im Gegensatz zum Mitbewerb arbeiten wir nicht mit einem Modular- oder Baukastensystem, sondern entwickeln und produzieren maßgefertigt und on demand. Das schätzen unsere Kunden und es ist unser USP in diesem Bereich. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu erwähnen, dass wir schon seit Jahren mit den Kehrmaschinen und Müllaufbauten patentfreie Produkte produzieren. Wir entwickeln diese Produkte stetig mit und für unsere Kunden weiter.

Steyskal: Unser USP bei Abfallsammelfahrzeugen ist zudem, dass wir zur Gänze hier in Stockerau produzieren. Mitbewerber, die beispielsweise in Polen fertigen sind zwar möglicherweise billiger, decken Nischenprodukte die auf Kundenwunsch maßgefertigt werden, aber nicht ab. Wir können das. Diese Art der Produktion ist zwar nicht ganz einfach, aber wir sehen, dass unsere Produkte – auch im Ausland – sehr gefragt sind. Durch die Produktion in Österreich tragen wir zudem nachhaltig zur österreichischen und vor allem regionalen Wirtschaft bei.
Wir produzieren außerdem CO2-reduziert. Durch die Produktion in Österreich haben wir keine lange Lieferkette, denn es wird alles bei uns im Werk in Stockerau produziert. Der CO2-Ausstoß aus einer langen Lieferkette entfällt bei uns aber, da unsere Fahrzeugaufbauten, bis auf die Schüttung zu 100% in Österreich produziert werden. Bei der Schüttung kann von verschiedenen Produkten gewählt werden: Zöller, Terberg, RosRoca und von M-U-T in Österreich entwickelte Sonderlösungen.

Merwald: Und hier sind wir bei einem weiteren USP von M-U-T. Wir sind die einzigen in Österreich, bei denen der Kunde bei der Schüttung freie Wahl hat. Bei den Trägerfahrzeugen ist es dasselbe, wir können unseren Aufbau auf jeden LKW aufbauen.

Steyskal: Und um diese USP zu kommunizieren werden wird in Zukunft auf Marketing mehr Wert gelegt. Bisher sind unsere Kunden eigentlich fast von selber gekommen, weil sie mit unseren Lösungen sehr zufrieden waren. Dazu kommt, dass wir unsere Fahrzeugaufbauten bisher nur in Österreich und in Ungarn verkauft haben. Nach der Beendigung der Zusammenarbeit mit Faun, werden auch andere europäische Märkte interessant Wir haben beispielsweise ein Nischenprodukt, das Abfallsammelfahrzeug ROTO-M-U-T, das auch auf dem deutschen Markt sehr gefragt ist.

Gritsch: Erstaunlich hierbei ist, dass wir in Deutschland keine Werbung gemacht, aber trotzdem innerhalb von sechs Wochen 20 Stück am deutschen Markt verkauft haben. In Österreich sind wir übrigens bei den Kehrmaschinen und Müllsammelfahrzeugen auch gemeinsam mit MAN bei der BBG gelistet. Ein wichtiger Partner ist auch SCANIA. Wobei selbstverständlich jeder Kunde mit jedem LKW willkommen ist, unsere Lösungen funktionieren bei jedem Fabrikat.

Steyskal: Unser Marktanteil bewegte sich in Österreich bei ca. 50% , in Ungarn bei rund 35 %. In Ungarn haben wir ein eigenes Assembling-Werk, das die Aufbauten für Ungarn, die hier in Stockerau gefertigt werden, vor Ort auf den LKW aufbaut. Bei uns ist es nämlich im Vergleich zum Mitbewerb umgekehrt: Erst kürzlich haben wir einen Auftrag der Stadt Budapest mit 100 Fahrzeugen gewonnen. Wir bauen im Jahr zwischen 200 und 250 Fahrzeugaufbauten, unsere Lieferzeit beträgt 12 Wochen ab Fahrgestellbeistellung – oftmals haben die LKWs längere Lieferzeiten als wir. Bei den Kehrmaschinen, bei denen wir auch Marktführer in Österreich sind, haben wir eine Lieferzeit von rund 16 Wochen.

EuroKommunal: Was planen Sie für die Zukunft?
Steyskal: Für die Zukunft möchten wir in allen Bereich unseren Kundensupport noch mehr verbessern und die gemeinsame Weiterentwicklung mit und für den Kunden noch mehr in den Fokus rücken. Zusätzlich möchten wir in Zukunft den Markt erweitern und wir haben uns dazu für unseren ersten Schritt nach Deutschland einen vielversprechenden Partner gesucht. Die Firma Terberg, die mit HS Fahrzeugbau auf dem deutschen Markt präsent ist und auch Niederlassungen betreibt, wird uns bei unseren Vorhaben am deutschen Markt unterstützen. Auch in anderen Ländern werden wir verstärkt auftreten, beispielsweise haben wir bereits einige Müllfahrzeuge nach Mexiko City geliefert, Angola,und sind derzeit wieder intensiv für Lieferungen 2021 in Gespräch.

Trotz unserem Erfolg im Fahrzeugbau, ist zu erwähnen, dass wir 60% unseres Umsatzes im Anlagenbau erzielen. Der Anlagenbau gliedert sich in Fördertechnik und Umwelttechnik. 80% des Umsatzes aus dem Anlagenbau machen wir in Asien, mit Büros in Sri Lanka, China und in Zukunft in Indonesien. Wir haben uns auch zusätzlich gut mit unserer Finanzierungslösung über ‚Soft Loan’,- eine Art Entwicklungshilfefinanzierung in diesen Ländern – positioniert. In Sri Lanka arbeiten wir zum Beispiel gerade an einem Auftrag über einen mittleren zweistelligen Millionen Betrag für eine komplette Wasserversorgungsanlage, die noch heuer fertiggestellt wird. In Indonesien beginnen wir einen zweistelligen Millionen-Euro-Auftrag, bei dem wir ein Schulungscenter für Schweißtechnik bauen. Das heißt, unser Know-how, das wir im Bereich der Schweißtechnik haben, importieren wir in diese Länder. Das hat nichts mit dem Fahrzeugbau zu tun, aber wir haben dadurch, dass wir die Aufbauten komplett selbst konstruieren und bauen, auch eine große Bandbreite an Know-how in unterschiedlichen Bereichen im Haus.

Bei der Frage nach der Zukunft der Firma M-U-T möchte ich auch zu Gerüchten Stellung nehmen, wonach die Nachfolge unseres ehemalige und verdienten Geschäftsführers Herrn Ing. Josef Hahnl nicht geklärt sei. Herr Ing. Hahnl ist 86 Jahre alt, aber er erfreut sich bester Gesundheit und kommt nach wie vor regelmäßig in die Firma. Seine Nachfolge ist selbstverständlich über die stabile Eigentümerstruktur geklärt. Es gibt also keinen Grund, am Fortbestand des Unternehmens zu zweifeln. Wir haben die letzten 65 Jahre im Bereich der Müllfahrzeuge mit der Firma Faun zusammengearbeitet. Diese Zusammenarbeit wurde Ende des Jahres 2019 beendet. M-U-T ist ein eigenständiges und zu 100 % österreichisches Unternehmen, dessen erfolgreicher Fortbestand langfristig gesichert ist. Die Strategie von den Eigentümern von M-U-T ist und bleibt, dass M-U-T auch in Zukunft in Stockerau österreichische Produkte produziert und den Mitarbeitern eine gesicherte Zukunft bietet.

Ing. Josef Hahnl (ganz rechts) arbeitet noch regelmäßig in seinem Betrieb. Hier bei einer Werksbesichtigung mit Markus Gritsch, Regina Lehner (EuroKommunal), Michael Merwald und Dr. Felix Stejskal (v.re.n.li)

EuroKommunal: Sind Sie auch in der Forschung tätig?
Steyskal: Ja, ich komme eigentlich aus dieser Ecke und war zuvor im Austrian Institute of Technology im Bereich Umwelttechnik tätig. Daraus ergeben sich immense Synergien. In unserer erst kürzlich entstandenen Sparte Digitalisierung läuft derzeit ein Forschungsprojektantrag gemeinsam mit der Hangzhou Dianzi University, bei der es um selbstlernende Systeme geht. Im April 2019 wurde im Beisein des damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz das erste Joint Research Center zwischen M-U-T und der Universität eröffnet. An dieser Universität im Institut bin ich auch Gastprofessor. Im Bereich Umwelttechnik haben wir die ersten neu entwickelten Containerkläranlagen in China und Indien in Bau. Im Bereich der hydrothermalen Carbonisierung läuft ein Projektantrag mit der Universität für Bodenkultur Prof. Christoph Pfeifer.
Und auch im Bereich der Fahrzeugtechnik kommt die Forschung mit Partnern nicht zu kurz. Wir haben im vergangenen Jahr mit der Wiener MA 48 ein Projekt abgeschlossen, bei dem wir gemeinsam mit der Firma MAN das erste vollelektrische Müllsammelfahrzeug geliefert haben.
Wir stehen wirtschaftlich sehr gut da, finanzieren unsere Projekte selbst vor. So können wir es uns auch leisten, in Forschung und Entwicklung in diesen Größenordnungen zu investieren.

EuroKommunal: Danke für das Gespräch!

Über M-U-T
Das Österreichische Traditionsunternehmen wurde 1932 als Ingenieurbüro in Stockerau gegründet. Die Firma gliedert sich in die Sparten

  • Transport- und Fördertechnik,
  • Fahrzeugaufbauten zur Abfallsammlung und Kehrtechnik, Umwelttechnik (z.B,: Sortieranlagen, Kompostierungstechnologie, Abfallbehandlung, Müllumladestationen),
    Wasser- und Abwassertechnik,
  • Schulung und Training in Schulen, Universitäten und Betrieben.
  • Digitalisierung. Diese Sparte ist erst kürzlich hinzugekommen, dabei kann mit Hilfe von vernetzter Datenanalyse etwa die Steuerung von Kläranlagen optimiert und verbessert werden.