Tirol geht strategisch gegen Neophyten vor

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Von links: Konrad Pagitz (Leiter des Kompetenzzentrums Neophyten-Tirol), Paul Illmer (Dekan der Fakultät für Biologie der Universität Innsbruck), LHStvin Ingrid Felipe, LHStv Josef Geisler und Reinhard Lentner (Abt. Umweltschutz Land Tirol) stellten die Neophyten-Strategie des Landes Tirol vor. Der Riesen-Bärenklau im Bild zählt zu den als problematisch eingestuften Neophytenarten und kann schmerzhafte Hautreaktionen bis hin zu Atemnot auslösen. © Land Tirol/Christa Entstrasser-Müller

Das Bundesland Tirol hat Ende August 2020 seine Strategie im Kampf gegen Neophyten vorgestellt. Neophyten sind gebietsfremde Pflanzenarten, die sich rasch ausbreiten und dabei große Schäden im heimischen Ökosystem anrichten können.

Im Mittelpunkt der Bemühungen im Kampf gegen Neophyten steht das „Kompetenzzentrum Neophyten in Tirol“, das 2005 nach einer einjährigen Pilotphase als fixe Einrichtung installiert wurde. Es wurde vom Land Tirol (Abteilung Umweltschutz) und von der Universität Innsbruck (Institut für Botanik, in dem das Neophytenzentrum angesiedelt ist) als Projekt zur Erforschung der Vorkommen von Neophyten in Tirol und zur fachlichen Beratung konzipiert, außerdem ist fungiert es als Drehscheibe rund um die Neophytenproblematik in Tirol.

Information über Neophyten im Zentrum der Maßnahmen
Prävention durch Information ist eine der wichtigsten, kostengünstigsten und einfachsten Formen der Neophytenbekämpfung meint Naturschutzreferentin LHStvin Ingrid Felipe: „Um die heimische Artenvielfalt zu schützen und zu erhalten ist es wichtig, über die negativen Auswirkungen gebietsfremder Pflanzen Bescheid zu wissen. Denn nur so kann es gelingen, die landesweite Ausbreitung schädlicher Pflanzen in den Griff zu bekommen.“

Wichtigster Verbreitungsfaktor von Neophyten ist der Mensch
Konrad Pagitz vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck, der auch das Kompetenzzentrum Neophyten leitet, erklärt: „Das Auftreten gebietsfremder Pflanzenarten ist auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen. Vor allem in der Neuzeit ist die Zahl der durch den Menschen verbreiteten Pflanzenarten (Neophyten) sprunghaft angestiegen. In Tirol sind mittlerweile rund 600 Neophyten dokumentiert. Diese stehen ca. 1.800 heimischen Pflanzenarten gegenüber. 14 dieser Neophyten sind derzeit für Tirol als problematisch eingestuft. Dazu zählen unter anderem Beifuß-Ambrosie, Riesen-Bärenklau, Südafrikanisches Greiskraut, Kanadische Goldrute, Drüsiges Springkraut, Sommerflieder oder Robinie. Meist wurden diese Arten aktiv nach Tirol geholt, angepflanzt und als Zier-, Nutz-, Forst- Bienen- oder Aquarienpflanzen genutzt. Ausnahmen sind die Beifuß-Ambrosie und das Südafrikanisches Greiskraut – sie wurden unabsichtlich ins Land gebracht. Einmal im Gebiet Fuß gefasst, können sich diese Arten sehr effektiv an ihren Wuchsorten behaupten, in die Umgebung eindringen und sich schlussendlich massenhaft ausbreiten. Je nach Art kommen dabei unterschiedliche Ausbreitungsmechanismen zum Tragen. Allen aber ist gemeinsam: ihr wichtigster Verbreitungsfaktor ist nach wie vor der Mensch.“

Die Massenausbreitung von Neophyten beeinträchtigt nicht nur das Ökosystem, sondern hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren. So kann die Beifuß-Ambrosie Allergien auslösen, der Riesen-Bärenklau schmerzhafte Hautreaktionen bis hin zu Atemnot verursachen und das Südafrikanische Greiskraut – wenn es als Verunreinigung ins Viehfutter, Getreide oder Gemüse gelangt – zu Vergiftungen führen.

Regionalität auch bei der Gartengestaltung
„Unser Ziel ist es, die Neophyten in Schach zu halten und zu verhindern, dass neue gebietsfremde Pflanzen eingeschleppt werden. Gerade auch in der Landwirtschaft verursachen Neophyten beträchtliche Schäden. Diese reichen von Ernteausfällen bis hin zur Beeinträchtigung der Tiergesundheit durch giftige Pflanzen“, erklärt LHStv Josef Geisler, der in der Tiroler Landesregierung unter anderem auch für die Landwirtschaft zuständig ist. Die Bekämpfung von Neophyten, die oftmals nur händisch möglich und sehr zeitaufwändig ist, sieht Geisler als gemeinschaftliche Aufgabe und setzt auf Prävention. „Regionalität sollte nicht nur beim Lebensmitteleinkauf, sondern auch bei der Gartengestaltung selbstverständlich sein“, so Geisler. Die Landesforstgärten bieten etwa heimische Sträucher und Bäume. Für Grünflächen stehen im Rahmen der Initiative „Tiroler Blumenwiesn“ in Kürze regionale Saatgutmischungen zur Verfügung.

Mitarbeit von allen erforderlich
„Wer mit offenen Augen durchs Land geht, sieht die zunehmende Ausbreitung der Neophyten. Der verhältnismäßige Umgang ist eine Mammutaufgabe, es braucht daher Bereitschaft und engagierte Mitarbeit von Systempartnern, wie Gemeinden, Bergwacht, Universität und der unterschiedlichen Organisationseinheiten des Landes, um diese Aufgabe zu bewältigen. Da finanzielle und personelle Ressourcen begrenzt sind gilt es, mit den vorhandenen Mitteln einen möglichst hohen Erfolg zu erzielen. Dazu ist strategisches Vorgehen erforderlich. Die Neophytenstrategie Tirols liefert die entscheidenden Grundlagen dazu“, sagt Reinhard Lentner von der Abteilung Umweltschutz des Landes Tirol.

Wissen von der Universität Innsbruck
Federführend bei der Landessstrategie gegen Neophyten ist das Neophyten-Kompetenzzentrum, das an der Universität Innsbruck angesiedelt ist. Biologie-Dekan Paul Illmer ist stolz, einer so vielfältigen Fakultät vorstehen zu dürfen: „Die Expertise an der Fakultät für Biologie reicht von der Stammzellenforschung zur Bekämpfung von Alzheimererkrankungen über ökologische Auswirkungen und mikrobielle Ursachen des Klimawandels bis hin zu biotechnologischen Verfahren zum Umweltschutz. Ganz wichtig ist es auch, die Artenkenntnis von Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren weiter im Blick und im Lehrplan für Studierende zu halten – denn nur, wer die heimischen Arten einwandfrei ansprechen kann, vermag auch fremdartige Invasoren zu erkennen.“ Illmer freut sich daher, in Bezug auf das Neophyten-Zentrum, über die umfassende Kompetenz am Institut für Botanik: „Erst dadurch kann das komplexe Problem der Neophyten sichtbar gemacht und die wissenschaftliche Grundlage für weitere Behandlungen und Maßnahmen geschaffen werden.“

Nähere Informationen und viel Wissenswertes über Neophyten finden Sie im Handbuch „Strategie für Tirol im Umgang mit gebietsfremden Pflanzenarten (Neophyten)“, das unter
https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/umwelt/naturschutz/Neophyten_Broschuere.pdf
heruntergeladen werden kann.

Grundsätze der Tiroler Neophytenstrategie
1. Problemvermeidung durch Prävention: Informationskampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit
2. Setzung von Bekämpfungsmaßnahmen im Frühstadium des Auftretens gebietsfremder Arten
3. Berücksichtigung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes bei der Bekämpfung bereits etablierter Neophytenvorkommen: Nutzen und Aufwand müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen
4. Koordiniertes Maßnahmenmanagement
5. Größtmögliche Verbindlichkeit der erforderlichen Maßnahmen: Bloße „soft-law“-Maßnahmen reichen für ein effizientes Neophytenmanagement teilweise nicht aus. Deshalb sollen erforderlichenfalls auch rechtlich verbindliche Anordnungen getroffen werden.