Vom Pferdeschneepflug zur Hightechstreuung

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Dass die Straßen geräumt und gestreut sind, wenn man in der Früh zur Arbeit geht oder fährt ist heutzutage selbstverständlich. Doch wie war das früher, vor der Motorisierung? Dieser Frage ist Dipl.-Ing. Josef Neuhold vom Amt der NÖ Landesregierung und Vorsitzender des Arbeitsausschuss Winterdienst nachgegangen und hat die Geschichte des Winterdienstes dokumentiert.

Dipl.-Ing. Josef Neuhold vom Amt der NÖ Landesregierung

Im ländlichen Raum waren die Menschen entweder zu Fuß oder mit dem Pferdeschlitten unterwegs. Zu dieser Zeit gab es auf den österreichischen Reichsstraßen „Straßenwärter“ und auf den Bezirksstraßen sogenannte „Straßeneinräumer“, die jeweils für bestimmte Straßenabschnitte zuständig waren. Geräumt wurde entweder händisch mit Schaufeln oder mit Holzschneepflügen, die von Pferden gezogen wurden. Dazu gab es sogar schon eine Verordnung: In der „Dienstvorschrift für die Straßenwärter auf den österreichischen Reichsstraßen“ aus den Jahre 1906 heißt es: „Schneeräumungen sind erst dann vorzunehmen, wenn die Schneedecke das Maß von 20 cm übersteigt, und es ist auch beim Abräumen des Schnees auf der Fahrbahn eine 20 cm hohe Schneelage für den Schlittenweg zu belassen.“

Die damaligen Straßenmeistereien hatten natürlich keine eigenen Pferde, „diese wurden von den örtlichen Bauern ausgeliehen“, erzählt Josef Neuhold, der in diversen Archiven und in den NÖ Straßenmeistereien recherchiert hat. Die Holzschneepflüge, die von den Pferden gezogen wurden, konnten auch in der Breite verstellt werden. Wenn der Schnee sehr nass war, so mussten diese enger gestellt werden, damit die Pferde den Holzschneepflug noch ziehen konnten. Noch bis in die 1950er Jahre waren in den ländlichen Gegenden noch die Holzschneepflüge im Einsatz. Sie wurden zum Großteil auf Landes- und Bezirksstraßen, aber auch auf wenig frequentierten Bundesstraßen eingesetzt, bis sie von motorisierter Schneeräumfahrzeugen abgelöst wurden.

Modell eines Holzschneepflugs (NÖ Straßendienst, Winterdienststelle)

Beginn der Salzstreuung
Im Winter der Jahre 1960/61 gab es eine erste Anweisung des Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau über die Verwendung von Streusalz. Nachdem in den Nachbarländern bereits Streusalz zur Vermeidung von Straßenglätte im Einsatz war, wollte das Ministerium Natriumchlorid zur Glättebekämpfung ebenfalls testen. „Dazu wurden auf kürzeren Strecken zwischen zehn und 20 Kilometer auf Bundesstraßen in ganz Österreich, erste Teststrecken für die Salzstreuung eingerichtet“, erzählt Josef Neuhold. Die Bundesstraßenverwaltungen der Bundesländer führten diese Versuche mit Streusalz im Winterdienst durch und lieferten dem Ministerium Berichte über die ersten Erfahrungen mit der Salzstreuung. „Bemerkenswert ist, dass schon im Jahr 1961 von vorbeugender Streuung die Rede war, was mich sehr erstaunt hat“, sagt Josef Neuhold. Vom Land Niederösterreich wurden damals dem Ministerium im Bericht zu den Salzstreutests die guten Erfahrungen mit der vorbeugenden Salzstreuung rückgemeldet.

Ein Holzschneepflug aus der Sammlung des NÖ Straßendienstes, Winterdienststelle

Nach dieser Anweisung zur Verwendung von Salz bei den Streutests gab das Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau eine erste „Dienstvorschrift für die richtige Verwendung von Streusalz“ heraus. Empfohlen wurden damals für die präventive Salzstreuung, je nach Witterungslage, 20 Gramm pro Quadratmeter, um das Anhaften von Eis und Schnee zu verhindern. Die präventive Streuung geriet dann aber in Vergessenheit und wird erst seit einigen Jahren wieder zunehmend angewendet – diesmal mit wissenschaftlichem Hintergrund, basierend auf Forschungsergebnisse mit umfangreichen Tests. Auch wurde in dieser Dienstvorschrift von 1961 davon abgeraten, Schnee einfach mit Salz wegzutauen, dies ist „unwirtschaftlich und daher abzulehnen“, so die „Dienstanweisung für die Verwendung von Streusalz“.

Stalzwerfer mit Streugutbehälter (1964)

Diese ersten Erfahrungen mit Salz haben sich auf Trockensalz bezogen. Feuchtsalz kam in Österreich erst viel später zum Einsatz. Auch hier waren die Nachbarländer schneller dran, in Deutschland gab es schon 1940 die erste „Dienstanweisung für die Verwendung von Streusalz“. Die Salzstreuung hat sich aber nicht durchgesetzt, einerseits mangels geeigneter Geräte und andererseits aufgrund des schwachen Verkehrs, vor allem während der Kriegsjahre. Salz braucht auch eine entsprechende Verkehrsmenge, um wirksam zu sein.

Feuchtsalzstreuung setzt sich durch
In Österreich war Toni Kahlbacher, Schneepflugfabrikant aus Kitzbühel, Pionier auf dem Gebiet der Streuung mit „feuchtem Salz“. Es war im Jahr 1964, als Kahlbacher mit Wasser angefeuchtetes Trockensalz erstmals maschinell mit sogenannten „Salzwerfern“ streute. Dieses feuchte Salz haftete besser auf der Fahrbahn und es wurde als „vorteilhafte Feuchtsalzstreuung“ bezeichnet. „Doch diese Streuung damals war noch nicht das, was wir heute als Feuchtsalz verstehen, nämlich mit einer Salzlösung befeuchtetes Trockensalz. Das Trockensalz wurde damals nur geringfügig mit normalem Wasser angefeuchtet“, erklärt Josef Neuhold. Die Vorteile waren aber damals schon erkennbar: Die Verwehungsverluste waren geringer, es bleibt mehr Salz auf der Fahrbahn und man kann es gleichmäßiger ausbringen. Aber Begriff „Feuchtsalzstreuung“ wurde damals schon im Zusammenhang mit dem Anfeuchten von Trockensalz verwendet.

Auf Initiative des Bundesministeriums für Handel und Wiederaufbau wurde das Feuchtsalz, hergestellt aus Trockensalz und einer Salzlösung, auch in Österreich getestet. 1965 gab es das erste „Vorläufige Merkblatt für die Verwendung von Auftausalzen im Straßenwinterdienst“. Herausgegeben wurde es vom Arbeitsausschuss Winterdienst, der damals bei der Forschungsgesellschaft für das Straßenwesen beim österreichischen Ingenieur- und Architektenverein (ÖIAV) angesiedelt war. Dieses Merkblatt ist vergleichbar mit den heutigen RVS, die von der Forschungsgesellschaft Straße-Schiene-Verkehr herausgegeben werden.

Beginn der wissenschaftlichen Winterdienstforschung
Im Jahr 1965/66 vergab die Schweiz erstmals einen Forschungsauftrag zur wissenschaftlichen Erforschung der Feuchtsalzstreuung. Durchgeführt wurde diese Forschungsarbeit von Herrn Dr. Rudolf Zulauf aus Chur. Sein Forschungsbericht trägt den Titel „Über das Haftvermögen des Haftsalzes auf den Straßenoberflächen“. Er hat damals den Begriff „Haftsalz“ verwendet. Dieses Haftsalz ist eine Mischung aus Trockensalz und Wasser oder einer Chloridlösung; entweder Natriumchlorid, Magnesiumchlorid oder Calziumchlorid. Das Mischverhältnis für das Haftsalz war zwischen 25 % – 40 % Gewichtsprozent der Wasser- oder Salzlösung, der Rest bestand aus Trockensalz; was einem heutigen Feuchtsalz von FS25 bis FS40 entspricht.

Im Jahr 1972 wurden in Deutschland weiterführende Versuche zu dieser Thematik unternommen. Aufbauend auf die Studien von Dr. Zulauf in der Schweiz führten DI Hahn und Ing. Bauer vom Autobahnamt Kaisersesch in der Nähe von Koblenz ihre Versuchsreihen durch. Ihr entwickeltes Gemisch aus Trockensalz und vor allem Calziumchloridlösung nannten sie „Feuchtsalz“. Dieses hatte ein Verhältnis von 30 % Flüssigkeit und 70 % Trockensalz – was dann die FS30-Streuung ergab, die in weiterer Folge jahrzehntelang Stand der Technik blieb.
Experte Neuhold rät aber aufgrund aktueller wissenschaftlicher Ergebnisse von der Verwendung von Calziumchlorid ab. „Calziumchlorid wird heute kaum mehr verwendet, da die Gefrierkurven gezeigt haben, dass gerade in den für den Winterdienst erforderlichen Bereich bis –10 Grad Celsius die Gefrierkurven von Natriumchlorid, Calzium- und Magnesiumchlorid nahezu parallel verlaufen. Für die Soleherstellung wird Natriumchlorid verwendet, da die anderen Salze keine Vorteile bringen, aber wesentlich teurer sind. Bei sehr tiefen Temperaturen wirken Calzium- und Magnesiumchlorid zwar besser, sie müssten aber ausschließlich in Reinform verwendet werden, da eine Beimengung zu 70 % Natriumchlorid-Trockensalz keine brauchbare bzw. vertretbare Verbesserung bringt.“

Im Jahr 1976 lud Toni Kalbacher als Erzeuger von Winterdienstgeräten zu einer ersten „Informationstagung Feuchtsalzstreuung“ nach Kitzbühel, um die relativ neue Technologie der Feuchtsalzstreuung in Österreich bekannt zu machen. Die Veranstaltung war ein riesiger Erfolg, es kamen der Arbeitsausschuss Winterdienst und zahlreiche weitere Interessenten. Referenten waren unter anderem auch die beiden Herren Hahn und Bauer aus Deutschland.
Aktuelle Forschungsprojekte
Dann tat sich auf diesem Gebiet Winterdienstforschung sehr lange nichts, gestreut wurde entweder Trockensalz oder Feuchtsalz im Mischverhältnis 70 % Trockensalz zu 30 % Sole, kurz FS30, das bis 2011 als „Stand der Technik“ galt. Erst die Ergebnisse des österreichischen Forschungsprojekts „Optimierung der Feuchtsalzstreuung“, das im Jahr 2011 publiziert wurden, brachte ein Umdenken. Dieses groß angelegte Projekt der Technischen Universität Wien wurde vom BMVIT, den neun Bundesländern und der ASFINAG beauftragt. Das Ergebnis waren erstmals Streuempfehlungen, die die Parameter Fahrbahntemperatur, Verkehrsmenge und Niederschlagsmenge berücksichtigen.

In Deutschland wurden in Folge Versuche mit reiner Flüssigstreuung FS100 durchgeführt. Diese reine Flüssigstreuung wurde auch im Bundesland Niederösterreich gemeinsam mit der TU Wien getestet. Dabei wurden FS30 und die FS100-Streuung gegenübergestellt. Das Ergebnis: Mit der Hälfte des Salzes können unter bestimmten Bedingungen gleiche Ergebnisse erzielt werden. Schließlich kamen wir auf die Idee: „Schauen wir uns die Mischverhältnisse dazwischen an“, so Neuhold. Also ging man daran, sich FS50 und FS70 genauer anzusehen und dies brachte einen nächsten bedeutenden Schritt in der Weiterentwicklung der Winterdiensttechnik mit einer großen umweltschonenden Auswirkung. Nach umfangreichen Versuchen wurde FS50 ein neuer Standard in der Feuchtsalztechnik, sowie FS70 und FS100 bei den Präventivstreuungen. Und zwischenzeitlich können die Streuautomaten der neuesten Generation auch alle diese Mischverhältnisse streuen.

Geringere Verwehungsverluste trotz geringerer Salzmenge
FS50, also Sole und Trockensalz zu gleichen Teilen, hat den Vorteil eines 20 % geringeren Salzverbrauch gegenüber FS30 bei gleichem Ergebnis. Der Grund dafür liegt darin, dass bei höheren Flüssiganteilen mehr Salz auf der Fahrbahn verbleibt und weniger Verwehungsverluste entstehen. „Die entscheidende Frage im Winterdienst ist, wie viel Salz bleibt auf der Fahrbahn“, erläutert Neuhold, der Vorsitzender des Ausschuss Winterdienst in der FSV ist, „bei höheren Flüssigkeitsanateilen bleibt mehr Flüssigkeit auf der Fahrbahn, Trockensalzkörner sind die ersten die von der Fahrbahn weg sind. Aus den umfangreichen Restsalzmessungen haben wir sehr viel gelernt.“ FS70 eignet sich beispielsweise für das präventive Streuen sehr gut, hier kommt man mit 40 % weniger Salz als bei FS 30 aus.

Neue Ergebnisse bis 2019
Nachdem die bisherigen österreichischen Forschungsprojekte zum Winterdienst so viel gebracht haben, ist bereits ein neues in Arbeit. Es trägt den Titel „Wirkmodell Streuung, Räumung, Restsalzmengen“ und wird von der TU Wien im Auftrag von BMVIT, den Bundesländern und der ASFINAG durchgeführt. Das umfangreiche Projekt läuft noch diesen Winter, im März 2019 ist mit Ergebnissen zu rechnen.

Im Rahmen des Projekts werden auch Feldversuche mit unterschiedlichen Schneepflugtypen unternommen, um die Räumqualität der unterschiedlichen Pflüge wissenschaftlich zu erfassen. Auch die Abnützung der Schürfleisten wird untersucht. In einem ersten Schritt werden die Versuche zu den Räumqualitäten mit feinem Sand unternommen und im Winter folgen dann die Versuche unter „Echtbedingungen“ mit Schnee; auch wie gut Schnee aus Spurrinnen entfernt werden kann. Weiters geht es in dem Projekt auch darum, wissenschaftlich die Restsalzentwicklung auf der Fahrbahn abzuleiten. „Ich bin schon sehr gespannt, welche Ergebnisse das Projekt hervorbringen wird“, sagt Josef Neuhold, „ich glaube, es wird uns einen nächsten großen Schritt weiterbringen!“

Varianten zur Einsparung von Salz
Seit Jahrzehnten wird in Österreich Feuchtsalz – also Trockensalz, das mit Sole (= wässrige Kochsalzlösung) angefeuchtet wird, – zur Verhinderung von Glättebildung auf den Straßen ausgebracht. Seit einigen Jahren ist man dazu übergegangen, die Mischverhältnisse zwischen Sole und Salz den Parametern Niederschlagsmenge, Fahrbahntemperatur und Verkehrsmenge anzupassen. Mit Hilfe dieser neuen, variablen Mischverhältnisse kann im Laufe eines Winters viel Salz eingespart werden. Wenn man bedenkt, dass eine Tonne Salz im Einkauf, je nach Marktlage, etwa 65 Euro und manchmal sogar 125 Euro kostet, wird nicht nur die Umwelt entlastet, sondern es bedeutet auch Kosteneinsparungen für die öffentlichen Haushalte.

Die Bezeichnungen FS30, FS50 etc. stehen für die Mischverhältnisse: FS30 bedeutet 30% Sole und 70% Trockensalz, FS50 je zur Hälfte Trockensalz und Sole, FS70 steht für 70% Sole mit 30% Trockensalz und FS100 bedeutet reine Solestreuung.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1964.

Fundstücke gesucht
Haben Sie historische Fotos bzw. Zeichnungen von pferdegezogenen Holzschneepflügen oder von Schneeschauflern beim Freischaufeln von Straßen? Oder gibt es in ihrer Dienststelle sogar noch einen Holzschneepflug? Dipl.-Ing. Josef Neuhold freut sich über Ihre Nachricht!
E-Mail: josef.neuhold[at]noel.gv.at

 

Bilder: Land Niederösterreich, Archiv NÖ Straßendienst